Time to say goodbye

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Nach 127 Tagen geht meine Zeit hier in den USA zu Ende. Die Koffer sind wieder einmal gepackt, die wichtigsten Dokumente auf einen Stapel zusammengelegt. Es waren vier ereignisreiche, aufregende, manchmal auch nervenaufreibende Monate. Vor allem DC hat mich überrascht: Mit ihrem Image der zugeknöpften Politiker-Metropole war die Stadt anfangs wenig verlockend für mich. Doch dank meiner Mitbewohner und der vielen Bekanntschaften, die ich hier den Sommer über machen konnte, war es mir möglich, hinter die Fassade zu blicken. Ich entdeckte die feierfreudige Seite der US-Hauptstadt, mit ihren Jazzkonzerten im Park und den Open-Air-Kinonächten. Ich fuhr Kanu auf dem Potomac oder machte einen Ausflug zu Washingtons Grab auf dem Mount Vernon. Ich ging in die kostenlosen Museen und besuchte ein Baseball-Spiel der Nationals. Nicht zu vergessen das Feuerwerk auf der Mall am Nationalfeiertag.

Die Arbeit für die Deutsche Welle war unglaublich bereichernd. Ich durfte mich mit heiklen Themen wie der Todesstrafe oder dem Abhörskandal der US-Geheimdienste auseinandersetzen und besuchte die armen Gegenden Washingtons, etwa das schwarze Anacostia. Ich interviewte junge Afrikaner, die ihre Wünsche zum US-Afrika-Gipfel vortrugen oder befragte die Bürger von Washington, was sie zu einem neuen Irak-Einsatz sagen.

Das Schöne an meinen vier Monaten war aber auch, dass ich nicht nur in Washington blieb, sondern andere Teile der USA bereisen durfte. In Erinnerung bleiben werden mir

– das Kohle-Festival in West Virginia

– das WM-Finale, das ich auf einer Farm in Germantown, Maryland, verfolgte

– die Jazz-Abende in New Orleans

– die beeindruckenden Wolkenkratzer von Chicago

– die Strände von Alabama

– die fantastische Südstaatenküche, unter anderem bei Shrimp Basket in Mississippi

– die prachtvollen Villen im Garden State New Jersey

– die zwei Gesichter von Baltimore

– der Freimaurertempel in Alexandria

– die Great Falls in Virginia

– die Piratenbar in Silver Spring

Last but not least, die Zeit in New York. Die fünf Wochen, in denen ich die einzelnen Stadtteile erkundete und damit auch die verschiedenen Facetten des Big Apples kennenlernen durfte. Jeder Tag dort war so intensiv, dass ich locker zwei bis drei Blog-Einträge hätte verfassen können. Aber auch so konnte ich vieles festhalten: Das hier ist mein 101. Blog Entry.

Nun geht es zurück nach Deutschland. Doch ich bin mir sicher, dass das nicht mein letzter Besuch hier in den Staaten war. Es gibt noch sehr viel zu entdecken.

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Lincolns letzte Aufführung

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Über keinen anderen US-Präsidenten sind so viele Bücher geschrieben worden wie über Abraham Lincoln. Das hat die New York Times bereits 1922 in einem Leitartikel festgestellt. Heute sind mehr als 16000 Bücher über den 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten im Umlauf. Sie umfassen dessen gesamte Lebensgeschichte: seinen Aufstieg vom Parlamentarier in Illinois zum wichtigsten Mann in den USA, seinen Kampf gegen die Sklaverei, seine politischen wie militärischen Manöver während des Civil Wars und natürlich seinen tragischen Tod.

Lincolns Ermordung in einem Washingtoner Theater hat viel zur Mythenbildung beigetragen. Am Abend des 14. Aprils 1865, fünf Tage nach der Kapitulation von General Lees Truppen, wurde der Shakespeare-Fan bei einer Aufführung im Ford‘s Theatre vom Schauspieler John Wilkes Booth erschossen. Es war ein Karfreitag. Das Haus steht heute noch in DC, der Saal wurde rekonstruiert inklusive der Präsidenten-Loge, in der das Attentat geschah.

Das Ford’s Theatre dient weiterhin als Schauspielbühne. Aktuell läuft hier eine Neuinszenierung des mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Klassikers „Driving Miss Daisy„. Wenn man tagsüber hierherkommt, kann man kostenlos in den Aufführungssaal und mehr über Lincolns letzte Stunden erfahren. Auf einer Zeittafel ist der Tagesverlauf Lincolns festgehalten – wann er gefrühstückt hat, wann er sich dazu entschloss, das Stück „Our American Cousin“ zu sehen. Parallel dazu steht auf einer zweiten Tafel der Zeitplan von John Wilkes Booth. Der Attentäter gehörte einer bekannten Schauspielerdynastie an und war ein Südstaaten-Sympathisant. Als er bei einer Rede Lincolns hörte, dass dieser die Wahlfreiheit auch ehemaligen schwarzen Sklaven zusprechen wollte, soll er gesagt haben: „Das war seine letzte Ansprache.“

Gemeinsam mit neun weiteren Personen schmiedete er einen Plan, den US-Präsidenten zu ermorden. Ursprünglich wollten sie Lincoln entführen, um ihn gegen Kriegsgefangene der Konföderation einzutauschen. Nach der Kapitulation Lees war diese Idee jedoch hinfällig und sie beschlossen, Lincoln ganz zu beseitigen. Eigentlich sollte auch dessen Oberbefehlshaber der Armee, Ulysses S. Grant, ums Leben kommen – ebenso wie Vizepräsident Johnson und Außenminister Seward. Doch Booth war der einzige der Gruppe, dem ein Anschlag gelang.

Weil er wusste, dass Lincoln ohne Personenschutz das Theater besuchen würde (wie es dessen Brauch war), drang er durch eine Hintertür in die Präsidenten-Loge ein und schoss Lincoln in den Hinterkopf. Danach sprang er auf die Bühne, brach sich angeblich das Bein und floh aus dem Saal. Tage später wurde er in einer Scheune in Virginia gefunden und erschossen, nachdem er sich geweigert hatte, mit erhobenen Händen herauszukommen. Vier der Mitverschwörer wurden zum Tode verurteilt.

Lincoln selbst starb übrigens nicht sofort im Theater, sondern wurde schwerverwundet ins gegenüberliegende Petersen House gebracht. Dort verschied er am Morgen des darauffolgenden Tages, ohne noch einmal das Bewusstsein erlangt zu haben. Sein offener Sarg wurde eine Woche lang im Ostflügel des Weißen Hauses aufgebahrt, wo bereits am ersten Tag mehr als 25000 Besucher entlangliefen. Im Anschluss brachte man den Sarg über Baltimore, New York, Cleveland und Chicago bis nach Springfield, Illinois, wo der Präsident in seiner Heimatstadt begraben wurde.

Sein Vermächtnis – der 13. Verfassungszusatz, der die Sklaverei abschaffte – trat am 18. Dezember 1865 in Kraft.

Die Straßen von Alexandria

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Als die Gentrifizierung von Großstädten noch kein Thema war und US-Amerikaner lieber in den Vororten wohnten statt mitten im Zentrum, war ein Ort vor den Toren Washingtons besonders begehrt: Alexandria. Das Städtchen gilt auch heute noch als Heimat der Gutbetuchten oder der Beamten höheren Dienstgrades. Das Verteidigungsministerium liegt in unmittelbarer Nähe, das Patentamt wurde sogar 2005 komplett nach Alexandria verlegt. Hinzu kommen noch einige Firmen in Privathand, die sich in dem Ort niedergelassen haben.

Für Touristen ist Alexandria wegen seines historischen Kerns beliebt. Das Old Town besitzt zahlreiche Häuser aus der Kolonialzeit und der frühen Unabhängigkeits-Ära. Boutiquen und Restaurants reihen sich aneinander, ein kostenloser Trolley bringt die Besucher bis zum Potomac River. Bei schönem Wetter lohnt es sich allerdings mehr, die 20-minütige Strecke von der Metrohaltestelle bis zum Fluss zu Fuß zurückzulegen.

Unweit der U-Bahn-Station befindet sich zudem das George Washington Masonic National Memorial. Der Freimaurertempel mit Aussichtsturm wurde zu Ehren des ersten Präsidenten erbaut, der ebenfalls dem ethischen Bund angehört hatte. Washington war sogar für einige Zeit Großmeister der Freimaurer-Loge in Alexandria – was erklärt, warum der Tempel hier steht und nicht in Washington, DC. Das Gebäude sollte an die Denkmäler auf der Mall erinnern: So wie Abraham Lincoln und Thomas Jefferson ein Memorial mit überlebensgroßer Statue im Inneren besitzen, so sollte auch George Washington einen Schrein erhalten. Der zehnstöckige Turm wiederum soll dem antiken Leuchtturm von Alexandrien nachempfunden worden sein, immerhin eines der sieben Weltwunder.

Anders als in Deutschland, wo die Freimaurer eher als Geheimbund hinter verschlossenen Türen fungieren, sind die Ordensbrüder hier eher aufgeschlossen für Touristen. Es gibt Führungen, die sogar einen Blick in die Messe-Säle erlauben. Außerdem erklärt ein Raum mehr darüber, wie man sich den Freimaurern anschließen kann (man muss vorgeschlagen werden und dann müssen alle Mitglieder der Loge einstimmig die Aufnahme befürworten) und welche höheren Ranggrade es gibt. Diese Offenheit machte ein wenig den Zauber der Freimaurer kaputt, der durch Bücher wie „The Lost Symbol“ von Dan Brown entfacht wurden. Spannend war der Besuch allemal.

Abkürzungs-Labyrinth

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Wieder in Washington angekommen, muss ich mich erst einmal an die ruhigere Lebensweise gewöhnen. An die stillen Abende, wenn ich in meinem Haus in Takoma auf die Veranda trete und nur das Zirpen der Grillen vernehmen kann. Oder an die Wartezeiten an den Metro-Stationen, weil die Bahnen anders als in New York nicht alle fünf Minuten kommen, sondern auch mal 20 bis 30 Minuten auf sich warten lassen. Eine Gemeinsamkeit stach mir bei der letzten U-Bahn-Fahrt allerdings ins Auge. Es gibt hier die Haltestelle NoMa. Bisher habe ich dem Namen wenig Beachtung geschenkt. Doch nach New York weiß ich, dass solch eine Schreibweise mit kleinen und großen Buchstaben nur für eine hippe Abkürzung eines Viertels stehen kann.

Beispiele für umgetaufte Bezirke in New York City gibt es viele. SoHo etwa, den Bereich South of Houston Street. (Wobei man letzteren Straßennamen nicht wie die Stadt in Texas ausspricht, sondern wie das deutsche „Haus“ und dann noch ein „ton“ anhängt.) Wo es ein SoHo gibt, ist ein NoHo nicht weit. Etwas nördlicher befindet sich NoLIta, also North of Little Italy. Und dann findet man noch Dumbo auf der anderen Flussseite in Brooklyn: ein Akronym für Down Under Manhattan Bridge Overpass.

Das ärgerliche an diesen Namen ist ihre rasche Verbreitung. In letzter Zeit kamen immer mehr Abkürzungen für Viertel hinzu. Nicht etwa, weil sie von Bewohnern einer bestimmten Nachbarschaft eingeführt wurden, sondern weil Makler damit hoffen, ein Gebiet noch attraktiver zu machen. 2012 schrieb die NY Times einen wütenden Artikel darüber, dass man sich durch die ganzen trendigen Abkürzungen wie ProCro (Prospect Heights and Crown Heights) gar nicht mehr in der Stadt zurechtfinden kann. Auch „How I Met Your Mother“ nahm den Umtaufungs-Wahn auf die Schippe: In der dritten Staffel sucht Ted ein Haus in DoWiSeTrePla. Wie sich herausstellt, steht die Abkürzung für Downwind of the Sewage Treatment Plant – eine Nachbarschaft direkt an einer stinkenden Kläranlage.

Zurück zu DC: Weil Washington nun ebenfalls der Gentrifizierung zum Opfer fällt, entstehen auch hier zahlreiche Wortneuschöpfungen. NoMa ist die Abkürzung für North of Massachusetts Street. 2012 wurde die Station, die früher New York Avenue hieß, umgetauft. Weitere Namensänderungen waren nicht ganz so erfolgreich: SoNYA (South of New York Avenue) oder SoMo (South of Adam’s Morgan) wurden weder von der Stadt noch von den Bewohnern akzeptiert. Der Kolumnist Clinton Yates schrieb eine lustige Abrechnung zu diesem Trend. Washington ist eben nicht New York. Und manchmal gefällt mir das auch besser so.

Show Time

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Wenn man einen Ort nennen sollte, den der gewöhnliche New Yorker zu meiden versucht wie der Teufel das Weihwasser, dann wäre das der Times Square. Der Glitzer-Platz an der 42nd Street mit seinen Billboards, den funkelnden Tafeln und den als Comicfiguren verkleideten Schaustellern schreit förmlich nach Touristenfalle. Auf den überfüllten Straßen quetschen sich erlebniswütige Männer und Frauen an den Schaufenstern vorbei. Schlecht bezahlte Schreier bieten Vergünstigungen auf Comedy-Shows oder Bustouren an. Es ist laut, es stinkt.

Dennoch gab es für mich einen Grund, immer wieder zum Times Square zu kommen: die umliegenden Theater. Hier schlägt das Herz von Broadway mit seinen Musicalbühnen und Schauspielhäuser, in denen Hollywoodgrößen regelmäßig Gastspiele haben. Allein in diesem Herbst werden folgende Stars am Broadway auftreten: Bradley Cooper (in „The Elephant Man“), Glenn Close (in „A Delicate Balance„), Ewan McGregor (in „The Real Thing„), Helen Mirren (in „The Audience„), Hugh Jackman (in „The River„). Soviel zu den Stücken, die ich nicht sehen werde, weil ich da bereits New York verlassen habe. Hier kommen nun die drei Broadway-Aufführungen, die ich tatsächlich erleben konnte.

If/Then

If/Then

Spätestens nach der diesjährigen Oscar-Verleihung dürfte Idina Menzel dem gewöhnlichen Sterblichen ein Begriff sein. Nicht so sehr, weil ihr Song „Let it go“ aus dem Disney-Film „Frozen“ den Goldjungen gewonnen hatte. Vielmehr darf sie ihre Berühmtheit dem ziemlich missglückten Auftritt von John Travolta verdanken, der es einfach nicht auf die Reihe gebracht hatte, ihren Namen richtig auszusprechen.

Am Broadway ist Menzel eine der bekanntesten Darstellerinnen. Sie hat einen Tony bekommen für „Wicked“ und war im Original-Cast von „Rent“ auf der Bühne. Nun steht sie erneut vor einem großen Publikum – in einem Stück, das extra für sie geschrieben wurde. Die Story von If/Then ist schnell erzählt. Die frisch geschiedene Elizabeth reist von Phoenix in ihre Heimatstadt New York und soll sich im Madison Square Garden mit zwei Freunden treffen. Die eine will mit ihr auf Männerschau gehen, der andere auf eine Demo. Wie soll sie sich entscheiden?

Das Stück zeigt beide Möglichkeiten: Liz bleibt im Park und lernt einen gut aussehenden Soldaten kennen, Beth geht mit den Protestieren, verpasst also den Soldaten, nimmt dafür aber einen Telefonanruf entgegen von einem Kollegen, der ihr einen Job bei der Stadt anbietet. Liebe in der einen Geschichte, Karriere in der anderen. Und mittendrinnen Idina Menzel. Sie singt und tanzt sich die Seele aus dem Leib, unterstützt von einem tollen Cast. Dazu ein fantastisches Bühnenbild, das auf zwei Ebenen spielt: oben tritt Liz auf, unten Beth und umgekehrt. Für mich eindeutig das Highlight hier am Broadway.

Hedwig and the Angry Inch

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Mein erstes Broadway-Stück in diesem Jahr. „Hedwig“ hat vor kurzem den Tony Awards ls bestes wiederaufgeführtes Musical gewonnen. Der eigentliche Grund, warum ich es sehen wollte, war aber gar nicht mehr zu erleben: Die Hauptrolle hatte bis Ende August Neil Patrick Harris gespielt – Barney aus „How I Met Your Mother“. Nur blöd, dass ich erst im September in New York ankam. Sein Ersatz Andrew Rannalls (Elijah aus „Girls“) legte sich auch mächtig ins Zeug. Aber man hatte ständig das Gefühl, dass Harris es besser gespielt hätte. Noch schräger, noch überdrehter, noch vulgärer.

Hedwig ist nämlich eine Drag Queen in der Midlife-Crisis. Eigentlich soll sie eine Show in einem heruntergekommenen Theater geben, doch ständig erinnert sie sich daran, wie ihr Leben bisher verlaufen ist und welche Fehler dabei bedangen wurden. Geboren war sie als Hansel in Ostberlin. Ein GI wollte sie mit nach Amerika nehmen, doch dafür mussten beide eine Scheinehe eingehen. Also ließ sich Hans umoperieren und nahm den Namen seiner Mutter an. Die OP lief nicht 100-prozentig gut, weswegen ein kleines Stück (das besagte „Angry Inch“) zurückblieb. Eine schräge Drag-Show, die durchaus Spaß mach – vor allem dank Nebendarstellerin Lena Hall. Sie spielt Yitzak, einen Transvestiten aus dem Ostblock, der eigentlich gerne eine Frau wäre, doch von Hedwig gezwungen wird, als Mann aufzutreten. Damit sie der einzige weibliche Star der Show bleibt.

It’s Only A Play

It's Only A Play

Der Cast zu diesem Stück umfasst einen Oscar-Preisträger, einen Kinderstar und zwei gefeierte Komödien-Darsteller. Vielleicht hatte ich auch deshalb zu hohe Erwartungen, die nur enttäuscht werden konnten. Es ging um einen Theaterautoren (Matthew Broderick, „Ferris macht blau“), der ein neues Broadway-Stück geschrieben hat. Sein bester Freund, ein Schauspieler (Nathan Lane, „The Birdcage“), hatte die Rolle abgelehnt und kommt nun zur Premiere nach New York. Er findet es grässlich, will aber natürlich nichts sagen. Alle warten auf die ersten Kritiken. Der britische Regisseur (Rupert Grint, Ron aus „Harry Potter“), ein Theater-Wunderkind, hofft auf einen Flop – damit er nicht immer nur gelobt wird. Alle anderen wollen einen Hit landen. Mittendrin platzt immer wieder ein Kritiker hinein (F. Murray Abraham, Salieri aus „Amadeus“) und sorgt für Verwirrung.

Was anfangs ganz lustig beginnt, dehnt sich nach kurzer Zeit in die Länge. Einfach, weil alle Figuren ihre festgefahrene Meinung haben und diese immer wiederholen („I want a flop!“ „It was wonderful – no it wasn’t“,„Broadway needs a successful show“). Und so fort. Das ware völlig ermüdend, wenn die Darsteller nicht so toll wären. Fast alle spielen ihre Rollen schön überdreht, an der Grenze zur Karikatur. Bis auf einen: Matthew Broderick ist der bierernste Theaterautor, der unglaublich langsam und bedacht darüber redet, wie wichtig es ist, Theater zu machen. In der Pause erklärte mir mein Sitznachbar: „Matthew Broderick is simply Matthew Broderick.“ Er kann einfach nicht anders spielen. Und zum Schluss hat man dann doch das Gefühl, dass auch dieser Auftritt in Ordnung war. Zwei Stunden, die man ein wenig lacht, ein wenig gelangweilt ist. Und nach denen man aus dem Saal tritt mit dem Gedanken: Ja, es stimmt. Das war einfach nur ein Theaterstück.

Glorreiche Hafenzeiten

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Gestern hätte ich die Möglichkeit gehabt, ein Dinner mit Außenminister Steinmeier und allen anderen deutschen Journalisten zu besuchen. Da dies jedoch mein letzter Abend im Big Apple war, habe ich die Einladung ausgeschlossen und mich stattdessen noch einmal mit meinem New Yorker Freund Ben getroffen. Wir nahmen ein Wassertaxi und fuhren Richtung Liberty Island, um die Freiheitsstatue bei Nacht zu sehen. Die Fahrt war in Ordnung: sehr touristisch, mit vielen wild fotografierenden Menschen an Bord und einem leicht übereifrigen Führer.

Die eigentliche Entdeckung des Tages wurde für mich allerdings der Abfahrtsort. Das Wassertaxi hat seine Anlegestelle nämlich in Seaport. Dies ist der östlichste Teil von Lower East Side, direkt am Wasser gelegen. Hier begann im späten 18. Jahrhundert New Yorks Seehafen-Geschichte. Nachdem die Briten die Stadt 1783 verlassen hatten, stachen von Seaport aus die ersten US-amerikanischen Handelsschiffe in See. Die Boote fuhren nicht nur nach Europa, sondern auch nach Asien – und durchbrachen somit das Handelsmonopol, das beispielsweise Großbritannien mit China hatte.

Bereits 1797 überholte New York die Städte Philadelphia und Boston als Handelsmetropole: Seaport wurde zum wichtigsten Hafen des jungen Landes. South Street, die Straße direkt am Wasser, entwickelte sich zu einer Lebensader der Stadt. An den Pieren wurden die Waren von den Schiffen geladen, die dann in die umliegenden Lager und Warenhäuser gebracht wurden. Ein Fischmarkt lockte jeden Tag mit frischen Seespeisen. Migranten aus der alten Welt versuchten, durch harte Arbeit ein besseres Leben zu erlangen.

„South Street hat New York erbaut“, sagte ein Historiker später. „Die Frachter brachten die Waren, die die Stadt reich machten. Und die Personenschiffe brachten die Einwanderer, die die Stadt groß machten.“ In den 1840er Jahren, der Blütezeit von New Yorks maritimen Reich, ging ein Drittel des weltweiten Schiffhandels über Seaport.

Dies änderte sich nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg. Neue Frachter, größer und schwerer, benötigten tieferes Fahrwasser, sodass der Hafen allmählich vom East an den Hudson River verlegt wurde. Als dann noch die Brooklyn Bridge fertiggestellt war, stellte man auch den Fährenverkehr ein. Die South Street verkam zu einem Barackenviertel mit  schlechten Ruf. Bis schließlich Mitte des 20. Jahrhunderts der Ort erneuert wurde.

Wenn man heute die Straße entlangläuft, fallen einem die vielen roten Backsteinhäuser auf. Im Gegensatz zu  anderen Teilen New Yorks hat Seaport seinen historischen Charakter erhalten. Es gibt kleine verwinkelte Gässchen und Hinterhof-Cafés. An den Piers lagern alte Segelschiffe sowie die Wassertaxen.

Eine Stelle ist mit Baugerüsten umgeben: Pier Nummer 17 soll ausgebaut werden. Ein modernes Gebäudekomplex wird hier entstehen, aus Sandstein und mit vielen Glasfenstern. Dazu eine Grünanlage, auf der Ausstellungen und Modenschauen stattfinden sollen. Aktuell, schick, exklusiv – so zeigt es das Promo-Video. Das ganze erinnert an das HafenCity-Projekt in Hamburg.

Finanziell wird dieser Bau dem Viertel wohl gut tun. Ob Seaport dann aber noch seinen historischen Charme behält, ist eine ganz andere Frage.

Treffen mit Kopfschmuck und Trachten

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Laut einer Studie der Vereinten Nationen soll es weltweit noch rund 5000 indigene Völker geben. 370 Millionen Menschen gehören einem einheimischen Volksstamm an, also ungefähr fünf Prozent der Weltbevölkerung. Manche von ihnen leben in selbst erwählter Abgeschiedenheit, etwa in den Regenwäldern des Amazonas. Andere haben sich mit der modernen Lebensweise arrangiert, wollen aber ihre eigene Sprache oder Kultur erhalten.

Um ihnen dabei zu helfen, fand erstmals eine Weltkonferenz der indigenen Völker in New York statt. Zwei Tage lang kamen Vertreter aus allen Kontinenten zusammen, um zu beratschlagen, wie man ihre Lebenssituation vereinfachen kann. Viele trugen farbenfrohe Trachten, hatten Kopfschmuck oder traditionelle Instrumente dabei. Es wurde gesungen, getanzt und musiziert. Aber auch viel diskutiert.

Schon zu Beginn der Veranstaltung verabschiedeten die Vereinten Nationen ein Dokument, das die Ureinwohner vor Willkür in ihren Ländern bewahren soll. Dieses Papier kommt sieben Jahre nach der Deklaration für den Schutz indigener Völker. Eine ziemlich lange Zeit, in der viele Einheimische mit Diskriminierung und Vertreibung zu kämpfen hatten. Oft wurden sie von ihrem Land vertrieben, weil darunter wertvolle Bodenschätze zu finden waren. Oder sie mussten ihre Heimat aufgrund von Naturkatastrophen verlassen.

Umso wichtiger ist das Dokument, das nun in New York ratifiziert wurde. Viele der Teilnehmer hoffen darauf, dass ihre Länder die Vorgaben der UN schnell in eigene Gesetze umwandeln. Sie haben dazu ein Jahr Zeit. Im September 2015 will ein Sonderberichterstatter bei der nächsten Generalversammlung vortragen, wie gut die Vorschläge umgesetzt wurden.

Meinen Artikel findet ihr hier.