Lincolns letzte Aufführung

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Über keinen anderen US-Präsidenten sind so viele Bücher geschrieben worden wie über Abraham Lincoln. Das hat die New York Times bereits 1922 in einem Leitartikel festgestellt. Heute sind mehr als 16000 Bücher über den 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten im Umlauf. Sie umfassen dessen gesamte Lebensgeschichte: seinen Aufstieg vom Parlamentarier in Illinois zum wichtigsten Mann in den USA, seinen Kampf gegen die Sklaverei, seine politischen wie militärischen Manöver während des Civil Wars und natürlich seinen tragischen Tod.

Lincolns Ermordung in einem Washingtoner Theater hat viel zur Mythenbildung beigetragen. Am Abend des 14. Aprils 1865, fünf Tage nach der Kapitulation von General Lees Truppen, wurde der Shakespeare-Fan bei einer Aufführung im Ford‘s Theatre vom Schauspieler John Wilkes Booth erschossen. Es war ein Karfreitag. Das Haus steht heute noch in DC, der Saal wurde rekonstruiert inklusive der Präsidenten-Loge, in der das Attentat geschah.

Das Ford’s Theatre dient weiterhin als Schauspielbühne. Aktuell läuft hier eine Neuinszenierung des mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Klassikers „Driving Miss Daisy„. Wenn man tagsüber hierherkommt, kann man kostenlos in den Aufführungssaal und mehr über Lincolns letzte Stunden erfahren. Auf einer Zeittafel ist der Tagesverlauf Lincolns festgehalten – wann er gefrühstückt hat, wann er sich dazu entschloss, das Stück „Our American Cousin“ zu sehen. Parallel dazu steht auf einer zweiten Tafel der Zeitplan von John Wilkes Booth. Der Attentäter gehörte einer bekannten Schauspielerdynastie an und war ein Südstaaten-Sympathisant. Als er bei einer Rede Lincolns hörte, dass dieser die Wahlfreiheit auch ehemaligen schwarzen Sklaven zusprechen wollte, soll er gesagt haben: „Das war seine letzte Ansprache.“

Gemeinsam mit neun weiteren Personen schmiedete er einen Plan, den US-Präsidenten zu ermorden. Ursprünglich wollten sie Lincoln entführen, um ihn gegen Kriegsgefangene der Konföderation einzutauschen. Nach der Kapitulation Lees war diese Idee jedoch hinfällig und sie beschlossen, Lincoln ganz zu beseitigen. Eigentlich sollte auch dessen Oberbefehlshaber der Armee, Ulysses S. Grant, ums Leben kommen – ebenso wie Vizepräsident Johnson und Außenminister Seward. Doch Booth war der einzige der Gruppe, dem ein Anschlag gelang.

Weil er wusste, dass Lincoln ohne Personenschutz das Theater besuchen würde (wie es dessen Brauch war), drang er durch eine Hintertür in die Präsidenten-Loge ein und schoss Lincoln in den Hinterkopf. Danach sprang er auf die Bühne, brach sich angeblich das Bein und floh aus dem Saal. Tage später wurde er in einer Scheune in Virginia gefunden und erschossen, nachdem er sich geweigert hatte, mit erhobenen Händen herauszukommen. Vier der Mitverschwörer wurden zum Tode verurteilt.

Lincoln selbst starb übrigens nicht sofort im Theater, sondern wurde schwerverwundet ins gegenüberliegende Petersen House gebracht. Dort verschied er am Morgen des darauffolgenden Tages, ohne noch einmal das Bewusstsein erlangt zu haben. Sein offener Sarg wurde eine Woche lang im Ostflügel des Weißen Hauses aufgebahrt, wo bereits am ersten Tag mehr als 25000 Besucher entlangliefen. Im Anschluss brachte man den Sarg über Baltimore, New York, Cleveland und Chicago bis nach Springfield, Illinois, wo der Präsident in seiner Heimatstadt begraben wurde.

Sein Vermächtnis – der 13. Verfassungszusatz, der die Sklaverei abschaffte – trat am 18. Dezember 1865 in Kraft.

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