Abkürzungs-Labyrinth

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Wieder in Washington angekommen, muss ich mich erst einmal an die ruhigere Lebensweise gewöhnen. An die stillen Abende, wenn ich in meinem Haus in Takoma auf die Veranda trete und nur das Zirpen der Grillen vernehmen kann. Oder an die Wartezeiten an den Metro-Stationen, weil die Bahnen anders als in New York nicht alle fünf Minuten kommen, sondern auch mal 20 bis 30 Minuten auf sich warten lassen. Eine Gemeinsamkeit stach mir bei der letzten U-Bahn-Fahrt allerdings ins Auge. Es gibt hier die Haltestelle NoMa. Bisher habe ich dem Namen wenig Beachtung geschenkt. Doch nach New York weiß ich, dass solch eine Schreibweise mit kleinen und großen Buchstaben nur für eine hippe Abkürzung eines Viertels stehen kann.

Beispiele für umgetaufte Bezirke in New York City gibt es viele. SoHo etwa, den Bereich South of Houston Street. (Wobei man letzteren Straßennamen nicht wie die Stadt in Texas ausspricht, sondern wie das deutsche „Haus“ und dann noch ein „ton“ anhängt.) Wo es ein SoHo gibt, ist ein NoHo nicht weit. Etwas nördlicher befindet sich NoLIta, also North of Little Italy. Und dann findet man noch Dumbo auf der anderen Flussseite in Brooklyn: ein Akronym für Down Under Manhattan Bridge Overpass.

Das ärgerliche an diesen Namen ist ihre rasche Verbreitung. In letzter Zeit kamen immer mehr Abkürzungen für Viertel hinzu. Nicht etwa, weil sie von Bewohnern einer bestimmten Nachbarschaft eingeführt wurden, sondern weil Makler damit hoffen, ein Gebiet noch attraktiver zu machen. 2012 schrieb die NY Times einen wütenden Artikel darüber, dass man sich durch die ganzen trendigen Abkürzungen wie ProCro (Prospect Heights and Crown Heights) gar nicht mehr in der Stadt zurechtfinden kann. Auch „How I Met Your Mother“ nahm den Umtaufungs-Wahn auf die Schippe: In der dritten Staffel sucht Ted ein Haus in DoWiSeTrePla. Wie sich herausstellt, steht die Abkürzung für Downwind of the Sewage Treatment Plant – eine Nachbarschaft direkt an einer stinkenden Kläranlage.

Zurück zu DC: Weil Washington nun ebenfalls der Gentrifizierung zum Opfer fällt, entstehen auch hier zahlreiche Wortneuschöpfungen. NoMa ist die Abkürzung für North of Massachusetts Street. 2012 wurde die Station, die früher New York Avenue hieß, umgetauft. Weitere Namensänderungen waren nicht ganz so erfolgreich: SoNYA (South of New York Avenue) oder SoMo (South of Adam’s Morgan) wurden weder von der Stadt noch von den Bewohnern akzeptiert. Der Kolumnist Clinton Yates schrieb eine lustige Abrechnung zu diesem Trend. Washington ist eben nicht New York. Und manchmal gefällt mir das auch besser so.

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