Show Time

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Wenn man einen Ort nennen sollte, den der gewöhnliche New Yorker zu meiden versucht wie der Teufel das Weihwasser, dann wäre das der Times Square. Der Glitzer-Platz an der 42nd Street mit seinen Billboards, den funkelnden Tafeln und den als Comicfiguren verkleideten Schaustellern schreit förmlich nach Touristenfalle. Auf den überfüllten Straßen quetschen sich erlebniswütige Männer und Frauen an den Schaufenstern vorbei. Schlecht bezahlte Schreier bieten Vergünstigungen auf Comedy-Shows oder Bustouren an. Es ist laut, es stinkt.

Dennoch gab es für mich einen Grund, immer wieder zum Times Square zu kommen: die umliegenden Theater. Hier schlägt das Herz von Broadway mit seinen Musicalbühnen und Schauspielhäuser, in denen Hollywoodgrößen regelmäßig Gastspiele haben. Allein in diesem Herbst werden folgende Stars am Broadway auftreten: Bradley Cooper (in „The Elephant Man“), Glenn Close (in „A Delicate Balance„), Ewan McGregor (in „The Real Thing„), Helen Mirren (in „The Audience„), Hugh Jackman (in „The River„). Soviel zu den Stücken, die ich nicht sehen werde, weil ich da bereits New York verlassen habe. Hier kommen nun die drei Broadway-Aufführungen, die ich tatsächlich erleben konnte.

If/Then

If/Then

Spätestens nach der diesjährigen Oscar-Verleihung dürfte Idina Menzel dem gewöhnlichen Sterblichen ein Begriff sein. Nicht so sehr, weil ihr Song „Let it go“ aus dem Disney-Film „Frozen“ den Goldjungen gewonnen hatte. Vielmehr darf sie ihre Berühmtheit dem ziemlich missglückten Auftritt von John Travolta verdanken, der es einfach nicht auf die Reihe gebracht hatte, ihren Namen richtig auszusprechen.

Am Broadway ist Menzel eine der bekanntesten Darstellerinnen. Sie hat einen Tony bekommen für „Wicked“ und war im Original-Cast von „Rent“ auf der Bühne. Nun steht sie erneut vor einem großen Publikum – in einem Stück, das extra für sie geschrieben wurde. Die Story von If/Then ist schnell erzählt. Die frisch geschiedene Elizabeth reist von Phoenix in ihre Heimatstadt New York und soll sich im Madison Square Garden mit zwei Freunden treffen. Die eine will mit ihr auf Männerschau gehen, der andere auf eine Demo. Wie soll sie sich entscheiden?

Das Stück zeigt beide Möglichkeiten: Liz bleibt im Park und lernt einen gut aussehenden Soldaten kennen, Beth geht mit den Protestieren, verpasst also den Soldaten, nimmt dafür aber einen Telefonanruf entgegen von einem Kollegen, der ihr einen Job bei der Stadt anbietet. Liebe in der einen Geschichte, Karriere in der anderen. Und mittendrinnen Idina Menzel. Sie singt und tanzt sich die Seele aus dem Leib, unterstützt von einem tollen Cast. Dazu ein fantastisches Bühnenbild, das auf zwei Ebenen spielt: oben tritt Liz auf, unten Beth und umgekehrt. Für mich eindeutig das Highlight hier am Broadway.

Hedwig and the Angry Inch

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Mein erstes Broadway-Stück in diesem Jahr. „Hedwig“ hat vor kurzem den Tony Awards ls bestes wiederaufgeführtes Musical gewonnen. Der eigentliche Grund, warum ich es sehen wollte, war aber gar nicht mehr zu erleben: Die Hauptrolle hatte bis Ende August Neil Patrick Harris gespielt – Barney aus „How I Met Your Mother“. Nur blöd, dass ich erst im September in New York ankam. Sein Ersatz Andrew Rannalls (Elijah aus „Girls“) legte sich auch mächtig ins Zeug. Aber man hatte ständig das Gefühl, dass Harris es besser gespielt hätte. Noch schräger, noch überdrehter, noch vulgärer.

Hedwig ist nämlich eine Drag Queen in der Midlife-Crisis. Eigentlich soll sie eine Show in einem heruntergekommenen Theater geben, doch ständig erinnert sie sich daran, wie ihr Leben bisher verlaufen ist und welche Fehler dabei bedangen wurden. Geboren war sie als Hansel in Ostberlin. Ein GI wollte sie mit nach Amerika nehmen, doch dafür mussten beide eine Scheinehe eingehen. Also ließ sich Hans umoperieren und nahm den Namen seiner Mutter an. Die OP lief nicht 100-prozentig gut, weswegen ein kleines Stück (das besagte „Angry Inch“) zurückblieb. Eine schräge Drag-Show, die durchaus Spaß mach – vor allem dank Nebendarstellerin Lena Hall. Sie spielt Yitzak, einen Transvestiten aus dem Ostblock, der eigentlich gerne eine Frau wäre, doch von Hedwig gezwungen wird, als Mann aufzutreten. Damit sie der einzige weibliche Star der Show bleibt.

It’s Only A Play

It's Only A Play

Der Cast zu diesem Stück umfasst einen Oscar-Preisträger, einen Kinderstar und zwei gefeierte Komödien-Darsteller. Vielleicht hatte ich auch deshalb zu hohe Erwartungen, die nur enttäuscht werden konnten. Es ging um einen Theaterautoren (Matthew Broderick, „Ferris macht blau“), der ein neues Broadway-Stück geschrieben hat. Sein bester Freund, ein Schauspieler (Nathan Lane, „The Birdcage“), hatte die Rolle abgelehnt und kommt nun zur Premiere nach New York. Er findet es grässlich, will aber natürlich nichts sagen. Alle warten auf die ersten Kritiken. Der britische Regisseur (Rupert Grint, Ron aus „Harry Potter“), ein Theater-Wunderkind, hofft auf einen Flop – damit er nicht immer nur gelobt wird. Alle anderen wollen einen Hit landen. Mittendrin platzt immer wieder ein Kritiker hinein (F. Murray Abraham, Salieri aus „Amadeus“) und sorgt für Verwirrung.

Was anfangs ganz lustig beginnt, dehnt sich nach kurzer Zeit in die Länge. Einfach, weil alle Figuren ihre festgefahrene Meinung haben und diese immer wiederholen („I want a flop!“ „It was wonderful – no it wasn’t“,„Broadway needs a successful show“). Und so fort. Das ware völlig ermüdend, wenn die Darsteller nicht so toll wären. Fast alle spielen ihre Rollen schön überdreht, an der Grenze zur Karikatur. Bis auf einen: Matthew Broderick ist der bierernste Theaterautor, der unglaublich langsam und bedacht darüber redet, wie wichtig es ist, Theater zu machen. In der Pause erklärte mir mein Sitznachbar: „Matthew Broderick is simply Matthew Broderick.“ Er kann einfach nicht anders spielen. Und zum Schluss hat man dann doch das Gefühl, dass auch dieser Auftritt in Ordnung war. Zwei Stunden, die man ein wenig lacht, ein wenig gelangweilt ist. Und nach denen man aus dem Saal tritt mit dem Gedanken: Ja, es stimmt. Das war einfach nur ein Theaterstück.

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