Glorreiche Hafenzeiten

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Gestern hätte ich die Möglichkeit gehabt, ein Dinner mit Außenminister Steinmeier und allen anderen deutschen Journalisten zu besuchen. Da dies jedoch mein letzter Abend im Big Apple war, habe ich die Einladung ausgeschlossen und mich stattdessen noch einmal mit meinem New Yorker Freund Ben getroffen. Wir nahmen ein Wassertaxi und fuhren Richtung Liberty Island, um die Freiheitsstatue bei Nacht zu sehen. Die Fahrt war in Ordnung: sehr touristisch, mit vielen wild fotografierenden Menschen an Bord und einem leicht übereifrigen Führer.

Die eigentliche Entdeckung des Tages wurde für mich allerdings der Abfahrtsort. Das Wassertaxi hat seine Anlegestelle nämlich in Seaport. Dies ist der östlichste Teil von Lower East Side, direkt am Wasser gelegen. Hier begann im späten 18. Jahrhundert New Yorks Seehafen-Geschichte. Nachdem die Briten die Stadt 1783 verlassen hatten, stachen von Seaport aus die ersten US-amerikanischen Handelsschiffe in See. Die Boote fuhren nicht nur nach Europa, sondern auch nach Asien – und durchbrachen somit das Handelsmonopol, das beispielsweise Großbritannien mit China hatte.

Bereits 1797 überholte New York die Städte Philadelphia und Boston als Handelsmetropole: Seaport wurde zum wichtigsten Hafen des jungen Landes. South Street, die Straße direkt am Wasser, entwickelte sich zu einer Lebensader der Stadt. An den Pieren wurden die Waren von den Schiffen geladen, die dann in die umliegenden Lager und Warenhäuser gebracht wurden. Ein Fischmarkt lockte jeden Tag mit frischen Seespeisen. Migranten aus der alten Welt versuchten, durch harte Arbeit ein besseres Leben zu erlangen.

„South Street hat New York erbaut“, sagte ein Historiker später. „Die Frachter brachten die Waren, die die Stadt reich machten. Und die Personenschiffe brachten die Einwanderer, die die Stadt groß machten.“ In den 1840er Jahren, der Blütezeit von New Yorks maritimen Reich, ging ein Drittel des weltweiten Schiffhandels über Seaport.

Dies änderte sich nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg. Neue Frachter, größer und schwerer, benötigten tieferes Fahrwasser, sodass der Hafen allmählich vom East an den Hudson River verlegt wurde. Als dann noch die Brooklyn Bridge fertiggestellt war, stellte man auch den Fährenverkehr ein. Die South Street verkam zu einem Barackenviertel mit  schlechten Ruf. Bis schließlich Mitte des 20. Jahrhunderts der Ort erneuert wurde.

Wenn man heute die Straße entlangläuft, fallen einem die vielen roten Backsteinhäuser auf. Im Gegensatz zu  anderen Teilen New Yorks hat Seaport seinen historischen Charakter erhalten. Es gibt kleine verwinkelte Gässchen und Hinterhof-Cafés. An den Piers lagern alte Segelschiffe sowie die Wassertaxen.

Eine Stelle ist mit Baugerüsten umgeben: Pier Nummer 17 soll ausgebaut werden. Ein modernes Gebäudekomplex wird hier entstehen, aus Sandstein und mit vielen Glasfenstern. Dazu eine Grünanlage, auf der Ausstellungen und Modenschauen stattfinden sollen. Aktuell, schick, exklusiv – so zeigt es das Promo-Video. Das ganze erinnert an das HafenCity-Projekt in Hamburg.

Finanziell wird dieser Bau dem Viertel wohl gut tun. Ob Seaport dann aber noch seinen historischen Charme behält, ist eine ganz andere Frage.

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