Der vergessene Bauer – wiederentdeckt

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Er war einer der wichtigsten Vertreter der Künstlergruppe „Der Sturm“. Mit seinen abstrakten Bildern von bunten Kreisen, Dreiecken, Linien beeindruckte er die Massen, wurde in den USA gefeiert – und geriet danach vollkommen in Vergessenheit. Die Rede ist von Rudolf Bauer. Nie gehört? Das war so beabsichtigt.

Wie es dazu kommen konnte, zeigt das Stück „Bauer. Art. Betrayal. Defiance„, das gestern Abend New Yorker Premiere feierte. In den 59E59 Theatern, einem Off-Broadway-Haus, bekannt für seine experimentellen oder innovativen Werke. Die Vorstellung war ausverkauft, zuvor hatte schon die „New York Times“ und das „Wall Street Journal“ über Bauer geschrieben. Und tatsächlich bietet seine Geschichte genug Stoff für die Bühne.

Rudolf Bauer wird1889 in Lindenwald in Preußen geboren, studiert gegen den Willen seines Vaters an der Akademie der Schönen Künste in Berlin und schließt sich dann der Gruppe „Der Sturm“ an. Seine Arbeit landet auf mehreren Covern des Kunstmagazins. 1917 lernt er die Freiherrin Hildegard „Hilla“ Rebay kennen – es wird eine amour fou: zusammenziehen, streiten, auseinandergehen, versöhnen, streiten,… Sie können nicht gemeinsam leben und schon gar nicht ohne einander.

Schließlich zieht Rebay in die USA. Doch auch von dort setzt sie sich für ihren Ex-Geliebten ein. Sie wird eine enge Vertraute von Solomon R. Guggenheim, dem Kupfermagnaten und Kunstsammler in New York City. Sie überredet „Guggi“, sich für abstrakte Kunst zu interessieren. Vor allem für Bauer. Guggenheim fängt an, Bauers Bilder zu sammeln. Er eröffnet ein „Museum of non-objective painting„, den Vorgänger des heutigen Guggenheim Museums, und hängt vorwiegend Bilder von Bauer aus. Auch einige Werke von Kandinsky, Klee, Picasso. Die anderen Künstler werden eifersüchtig.

1937 verhaften die Nazis den „entarteten Künstler“ Rudolf Bauer und stecken ihn für einige Monate ins Gefängnis. Selbst dort zeichnet Bauer weiter – auf jedem Stück Papier, das ihm in die Hände fällt. Sollten diese Zeichnungen von der Gestapo entdeckt werden, droht ihm die Todesstrafe. Als Rebay von seiner Verhaftung hört, macht sie sich mit einem Koffer voll von Guggenheims Geld auf den Weg nach Berlin. Es gelingt ihr, den Lagerkommandanten zu bestechen und Bauer freizukaufen. Sie organisiert eine Überfahrt nach New York. In den USA wird er als großer Künstler gefeiert.

Guggenheim bietet ihm ein Haus, einen Wagen, ein Hausmädchen und ein Jahreseinkommen von 15.000 $ an. Als Gegenleistung sollen alle seine Bilder, auch die zukünftigen, Eigentum der Guggenheim Foundation werden. Rebay übersetzt den Vertrag, Bauer unterschreibt. Erst später wird ihm klar, dass er sein gesamtes Schaffen verkauft hat. Und dass sowohl Haus als auch alles übrige nicht ihm gehört, sondern auf Lebenszeit geliehen ist. Er besitzt nichts mehr. Und beschließt daraufhin, das Malen aufzugeben. Für immer. Guggenheim tobt, Rebay versucht zu schlichten, vergeblich. Der Kunstmäzen stirbt 1949, da lebt Bauer mit seiner ehemaligen Haushälterin und jetzigen Ehefrau noch weiter im Haus, ohne ein einziges neues Werk geschafft zu haben.

1953 stirbt auch er, sechs Jahre später wird das Guggenheim Museum eröffnet. Es war ursprünglich gebaut worden, um Bauers Bilder zu promoten. Nun hängen sie nicht an der Wand, sondern lagern im Keller. Einer der gefeiertsten Künstler der Moderne gerät in Vergessenheit. Komplett.

Genau um diesen Kampf des „In-Erinnerung-Bleibens“ geht es im Theaterstück. Eine fiktive Begegnung zwischen Rebay, Bauer und seiner Frau im Haus des Pärchens. Es geht um Vergebung, um Verrat und um Vergessen. Ein spannender Theaterabend, auch dank der tollen Schauspieler aus San Francisco. Und dank des Bühnenbildes: ein Atelier mit verstaubten weißen Wänden, die als große Leinwand fungieren, auf der die alten Bilder von Bauer projiziert werden.

Dass das Theaterstück gerade jetzt in New York gespielt wird, hat einen praktischen Grund: Bauer wird wiederentdeckt. Seine Bilder, in den 1970er Jahren von der Guggenheim Foundation an private Sammler verkauft, landen gerade erneut auf dem Markt und erreichen Rekorde. Das German Consulate hier im Big Apple hat gerade eine Sonderausstellung zu Rudolf Bauer. Am 22. September eröffnet Sotheby’s ihre Versteigerungsschau „Tomorrow Today“ mit Bauer-Bildern. Es wird erwartet, dass einige Gemälde für über eine Million über den Auktionstisch gehen. Bauer ist wieder da. In der Stadt, die dafür gesorgt hat, dass er in Vergessenheit geraten ist.

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