Räucherstäbchen und Litschi-Eis

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Nirgendwo in New York ist der Spruch von der „city within a city“ so treffend wie in Chinatown. Die Häuser rund um Mott und Canal Street in Lower Manhattan erwecken den Eindruck, als ob man die USA verlassen hätte und in Asien gelandet sei. Vor allem am Vormittag, wenn die meisten New Yorker arbeiten, kann man hier fast ausschließlich chinesische Männer und Frauen antreffen. Die Schilder an den Geschäften sind mit für westliche Besucher unentzifferbaren Schriftzeichen versehen. Die Verkäufer an den Ständen bieten exotische Früchte und lebende Krebse feil. Es riecht nach Gewürzen und Räucherstäbchen.

Chinatown in New York gilt als die größte chinesische Enklave in der westlichen Hemisphäre. Der erste Kantonese soll 1858 an die Ostküste gekommen sein. Zehn Jahre zuvor war in Kalifornien der Gold Rush ausgebrochen. Weil aber das Suchen nach dem Edelmetall in den Minen eine sehr gefährliche Angelegenheit war, reisten ein paar reiche US-Amerikaner nach China und lockten arme Bauern in ihr Land: mit dem Versprechen, mehr Geld zu verdienen. Chinesen wurden außerdem für den Bau der Eisenbahnschienen eingesetzt.

Das Leben für die Einwanderer war hart, der Lohn miserabel und die Diskriminierung erheblich. Deshalb zogen einige Männer (Frauen waren damals noch nicht aus China per Schiff angereist) nach New York und wollten dort ein besseres Leben beginnen. Sie machten sich in Lower Manhattan sesshaft und nahmen Jobs als sogenannte blue-collar workers an: Fabrikarbeiter, die die englische Sprache nicht beherrschen mussten. Sie rollten Zigarren, arbeiteten in Wäschereien oder als Küchenjungen. Da sie weniger Geld verdienten als erhofft, mussten sie länger in New York bleiben. Zu dieser Zeit nannte man die chinesische Nachbarschaft noch bachelor society, weil sie eben nur aus Männern bestand.

Wie so häufig kamen nicht nur aufrichtige Menschen aus China nach New York, sondern auch Kriminelle. Bandenkriege in Chinatown machten bald Schlagzeilen. Die kleine Gasse Doyers Street wurde bekannt als „Bloody Angle“, weil es hier immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen befeindeten Tong-Mitglieder kam. Ähnliche Tong Wars gab es in anderen Chinatowns in den USA, etwa in San Francisco. Die Stimmung gegenüber Chinesen verschlechterte sich weiter und 1882 wurde ein Gesetz erlassen, dass die Einreise aus China in die Vereinigten Staaten so gut wie unmöglich machte. In leicht abgeänderter Form blieb die Regulierung bis 1965 erhalten. Als man den Chinese Immigration Act schließlich aufhob, kam eine große Welle an Chinesen nach Amerika – und die meisten zogen nach New York.

Wenn man auf den Hauptstraßen von Chinatown bleibt, sieht man viele kleine Ramschläden, in denen Kitsch aus China wie etwa Winkekatzen oder falsche Markenkleidung angeboten wird. Hier kann man auch noch Touristen erblicken. Sobald man aber in die Seitengassen eindringt, ist man bald schon der einzige Weiße. Man sieht chinesische Mädchen in Schuluniformen oder ältere Menschen, die auf Bänken sitzen und sich auf Chinesisch unterhalten. Es gibt Tempel und Schreine, nicht zu vergessen die ganzen Restaurants und Fast-Food-Läden. Besonders beliebt ist die Chinatown Ice Cream Factory, wo man so besondere Sorten wie Litschi, Grünen Tee oder Sesam probieren kann.

Mit seinem Eis in der Hand sollte man sich dann im Columbus Park erholen. Das ist der zentrale Sammelplatz der chinesischen Gemeinde. Musiker treten hier auf und tragen bekannte Volksweisen vor.

An den Holztischen im Park messen sich vor allem ältere Chinesen in Brettspiel-Duellen. Natürlich schön nach Geschlecht getrennt. Und mit Geldeinsätzen. Wen kümmerts, dass Glücksspiel in New York verboten ist? Chinatown hat eben seine eigenen Regeln.

 

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