Aufbruch in ein neues Leben

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Die Vereinigten Staaten sind ein Land der Einwanderer. Wie sehr diese Aussage stimmt, wurde mir bewusst, als ich bei Diskussionen mit US-Amerikanern erwähnte, dass ich aus Deutschland komme. Die meisten meiner Gesprächspartner fingen sofort an aufzuzählen, zu wie vielen Teilen sie europäische Wurzeln haben: ein Sechstel Ire, ein Achtzehntel Italiener oder Spanier, dazu noch ein wenig slawische Gene. Der Hype um die Abstammung wird durch Firmen wie „AncestryDNA“ gefördert, die dank Blutproben ermitteln wollen, welche Vorfahren man besitzt. Ein großer Erfolg in den Vereinigten Staaten.

Gerade weil so viel Wert auf Familienstammbäume gelegt wird, ist für viele US-Amerikaner klar, dass sie bei einem New-York-Besuch auch nach Ellis Island reisen müssen. Die Insel vor dem Hafen von Manhattan diente von 1892 bis 1954 als zentrale Sammelstelle für Migranten. Wer immer aus Europa ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten kam, musste sich hier einem medizinischen Test sowie einer harten Befragung unterziehen. Heute ist das Gebäude ein Museum mit angeschlossenem Archiv, in dem jeder Besucher nachschauen kann, wann seine Familie über den großen Teich gekommen ist.

Das Museum gibt einen guten Einblick darüber, wie man auf Ellis Island als Einwanderer empfangen wurde. Als das Zentrum öffnete, war das Dampfschiff bereits erfunden. Die Überfahrt dauerte also nicht mehr wie früher sieben Wochen, sondern nur noch zehn Tage. Was aber immer noch eine beschwerliche Reise darstellte, zumal nicht jeder direkt auf die Insel geschickt wurde. Vor allem in Sommermonaten gab es so viele Schiffe, dass manche Passagiere tagelang an Bord warten mussten.

Als sie dann endlich in das Migrationszentrum geschickt wurden, begann die eigentliche Tortur. Die Koffer blieben im Erdgeschoss zurück, dann musste man über eine Wendeltreppe in den ersten Stock. Dort warteten Ärzte, die jeden einzelnen nach Krankheiten untersuchten: Augeninspektion, Lunge abhören, Fingernägel untersuchen. Wer negativ auffiel, wurde mit einem Kreidebuchstaben markiert und musste zum genaueren Medizincheck. Von den 5000 Einwanderern, die hier jeden Tag eintrafen, wurde zirka ein Prozent abgewiesen und musste zurück nach Europa.

Als nächstes erfolgte eine Befragung über Alter, Familienstand, politische Gesinnung. Damit sollte überprüft werden, ob die Person auch wirklich diejenige ist, die in Europa an Bord gegangen war. Auch hier konnte die Einreise verweigert werden. Ein harter Schlag vor allem für diejenigen, die aus Hungersnöten, politischer und religiöser Verfolgung oder Armut in die neue Welt gereist waren.

Alle anderen konnten zurück aufs Schiff und den Hafen von Manhattan anfahren. Von hier aus ging es für die meisten per Eisenbahn weiter. Nur ein Drittel der Ankommenden blieb in New York, die anderen suchten ihr Glück in den übrigen Teilen der USA. Für sie war in Erfüllung gegangen, was sie bereits bei der Anreise nach New York gesehen hatten: der Traum von Freiheit, symbolisiert durch die „Statue of Liberty“.

Die Freiheitsstatue steht auf Liberty Island und ist eines der beliebtesten Touristenziele der Stadt. Wenn man seinen Trip drei Monate im Voraus bucht, kann man sogar auf die Krone der Figur steigen. Alle anderen begnügen sich mit dem Sockel, der ebenfalls einen guten Blick auf Manhattan liefert. Die Statue war ein Geschenk der Franzosen an die US-Amerikaner zum 100. Jubiläum der Unabhängigkeit. Erbaut von Frédéric Auguste Bartholdi, nahm sie im Laufe der Zeit verschiedene Bedeutungen an.

Für Bartholdi war sie ein Zeichen der Demokratie, die in Europa an vielen Orten noch fehlte. In Frankreich beispielsweise regierte zu dieser Zeit noch Napoleon III. Wohl auch deshalb ließ Bartholdi die Statue so aufstellen, dass sie in Richtung Europa blickt: als Mahnung oder Verheißung an den alten Kontinent. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie dann als Symbol für den Neuanfang, als „Mutter der Einwanderer“ gesehen. Am schönsten zusammengefasst hatte diese Idee die Autorin Emma Lazarus, deren Eltern aus Portugal geflohen waren, in ihrem Sonett „The New Colossus“.

Nach den Anschlägen von 9/11 veröffentlichten viele Zeitungen ein Bild der Freiheitsstatue, die trotz des aufgewirbelten Staubes des World Trade Centers als Umriss zu erkennen ist. Nun wurde sie zu einem Symbol des Durchhaltens der geschockten Nation. Was auch immer sie für eine Bedeutung angenommen hat, viele Besucher sind gerührt, wenn sie auf ihrem Sockel stehen. Und sich dabei daran zu erinnern, wie der Anblick der Statue of Liberty die eigenen Vorfahren mit Hoffnung erfüllt haben musste.

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