Kitsch oder Kunst?

DSC_1312pm

An Jeff Koons scheiden sich die Geister. Einige sehen in seinen überdimensionalen Figuren – Schaumstofftiere aus Metall, einfarbige schimmernde Statuen – einfach nur Ramsch. Andere wiederum verehren ihn gerade dafür, dass er die Banalität des Alltags auf akribische Weise nachstellt. In New York kann man sich derzeit selbst ein Bild machen: Das Whitney Museum zeigt eine große Retrospektive mit den wichtigsten Werken des Künstlers. Die Ausstellung erstreckt sich auf fünf Stockwerke und beinhaltet Exponate von Koons Anfangszeit bis hin zu den allerneuesten Arbeiten, die er erst in diesem Jahr fertiggestellt hat.

Koons stammt aus York, Pennsylvania und studierte an der Arts School of Chicago. Dort entdeckte er seine Liebe für die Surrealisten und für Marcel Duchamps. Letzterer hatte Aufsehen erregt mit seinen ready-mades: Urinale oder Schneebesen, die er im Musen aufstellte und sie dort mit neuen Namen versah („Fontäne“ oder „Dem gebrochenen Arm voraus“). Duchamps war einer der radikalsten Durchbrecher der Grenze zwischen Alltagswelt und Kunst. Genau das fasziniert auch Koons, der mit erfolgreichen Studienabschluss in der Tasche nach New York zog und sich im Künstlerviertel East Village sesshaft machte.

—————————————————————————————————————————————————————————————-

Seine erste große Arbeit waren Haushaltsgeräte, die er von unten mit Leuchtstoffröhren beklebte und an Wände installierte. Er nannte diese Serie „The Pre-New“. Die Gegenstände durften dabei niemals ihrem Zweck nach benutzt werden – sonst wären sie für die Kunst unbrauchbar, so Koons. Weitere Werke waren aufblasbare Blumen, die er auf Spiegelflächen stellte. Alles noch nicht sehr beeindruckend, doch es sollten Fingerübungen werden für sein großes Ziel: den Alltag in den Bereich der Kunst zu überführen.

Das gelang ihm mit seinen Werken der Serie „Statuary“. Er nahm Objekte wie einen auflblasbaren Hasen und stellte sie mit auf Hochglanz poliertem Edelstahl nach. Ähnlich ging er bei den Arbeiten zum Thema „Luxury and Degradation“ vor – allerdings konzentrierte er es sich hierbei auf Objekte wie Whiskey-Gläser oder Eiskübel, die den Alkoholwahn der US-Amerikaner symbolisieren sollten.

—————————————————————————————————————————————————————————————-

Koons setzte die Suche nach der Schönheit im Banalen fort. Die Reihe „Banality“ gilt als eine seiner bekanntesten: Da sieht man zum Beispiel Michael Jackson mit Affen als Porzellanfiguren oder einen englischen Bobby, der von einem Bären umarmt wird. Berühmtheit erlangten auch die fast zwei Meter hohen Ballonhunde aus polliertem Metall in quietschbunten Farben, die er für die „Celebration“-Serie erschuf.

Einen Skandal lösten die Arbeiten unter dem Titel „Made in Heaven“ aus. Koons sollte sich für ein Billboard-Plakat in Szene setzen. Also ließ er sich in Form eines Hollywood-Posters ablichten – als kitschiger Don Juan, gemeinsam mit Ilona Staller. Das war eine damals verfemte italienische Politikerin, die ihr Leben früher als Darstellerin in Erwachsenenfilmen verdient hatte. Koons flog für die Aufnahmen extra nach Italien… und verliebte sich. Kurze Zeit später heiratete er seine Muse und beschloss, eine ganze Fotoserie zu erschaffen, die ihn in sehr freizügig beim Liebesspiel mit Ciciollina (so ihr Künstlername) zeigen. Als die Gemälde und Fotografien in New York ausgestellt wurden, entfachten sie eine Diskussion über Pornografie.

——————————————————————————————————————————————————————————————-

Für Koons jedoch handelte es sich nicht um pornografische Bilder, weil sie den menschlichen Körper in  all seinen Makeln darstellte. Die Pickel von Ciciollina seien Beweis dafür, dass er Handlungen festgehalten habe, die genau so in der Natur vorkommen. Er hätte nur „den Garten Eden nachstellen wollen, die sexuelle Penetration wie das als Aufeinandertreffen eines Kolibris mit einer Blume“. Deswegen waren auch neben den Fotos Plastik-Blumen ausgestellt, um die Verbindung zur Natur zu verdeutlichen. Ob man den Erklärungen glaubt, sei dahingestellt: Koons war auf jeden Fall nach dieser Serie aus dem Jahr 1991 in aller Munde.

Heutzutage greift der Künstler auf 3D-Scanner und Computer zurück, die ihm genau berechnen, wie er das Metall bearbeiten muss, damit es den Anschein von Folie oder Plastik erweckt. Manche Werke benötigen bis zu zehn Jahre, weil er immer noch nicht genau herausgefunden hat, wie man eine bestimmte Reflektion nachstellen kann, so dass sie etwa wie Holz aussieht.

Das schöne am Whitney Museum ist, dass man ganz nah an die Gegenstände herantreten darf. Anders als bei Ausstellungen in Europa befinden sich die Objekte nicht etwa hinter Glas und es gibt auch keine Ein-Meter-Abstand-Zone auf dem Boden. Was umso mehr erstaunt, weil Koons Arbeiten zu den teuersten der Welt gehören. 2013 wurde sein Balloon Dog (Orange) für die Rekordsumme von 58,4 Millionen Dollar bei Christie’s versteigert. Damit toppte es sogar die Arbeit von Gerhard Richter als teuerstes Werk eines noch lebenden Künstlers.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s