Das Eingangstor zum Big Apple

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Als ich vor gut einer Woche in New York ankam, bin ich in der Nähe der Penn Station aus dem Bus gestiegen. Der Bahnhof im Westen Manhattans dient als wichtigster Anlaufpunkt für Reisende. Hier halten die AMTRAC-Fernzüge sowie alle Reisebusse. Was wiederum viele New Yorker ärgert: Penn Station gilt als architektonisches Desaster.

Deshalb wünschen sich die meisten Bürger in alte Zeiten zurück, als die Grand Central Station noch das „gateway to NYC“ war. Heutzutage kommen in dem östlichen Bahnhof Manhattans nur noch Pendlerzüge aus dem näheren Umkreis sowie einige U-Bahnen an. Doch Grand Central macht mit seiner Beaux-Arts-Fassade und dem berühmten Sternen-Deckenfresko im Inneren einfach optisch mehr aus als die hässliche Penn Station. Nicht umsonst hat der Architekt Philip Johnson mal gesagt: „Europa hat ihre Kathedralen und wir haben die Grand Central Station.“

Der Bahnhof ist eng mit der Geschichte von Midtown Manhattan verknüpft. Ende des 19. Jahrhunderts stand an dieser Stelle noch das Grand Central Depot: Endbahnhof und Lager für alle Züge der New York Central and Hudson River Railroad. Damals verliefen die Schienen noch überirdisch. Schlachthöfe und Brauereien waren hier angesiedelt, an der Stelle des heutigen Crysler Buildings stand eine Ziegenfarm.

Dann kam es zum größten Eisenbahnunfall in der Geschichte der Stadt: 1902 übersah ein Zugführer eine andere Bahn am Eingang zu einem Tunnel. 15 Menschen starben, mehr als zwei Dutzend wurden schwer verletzt. Die Stadtverwaltung erließ daraufhin ein neues Gesetz, das Dampfeisenbahnen im Stadtzentrum verbot. Die Familie Vanderbilt, Eigentümerin des Bahnhofs, hatte also zwei Möglichkeiten: entweder die Züge aus der Stadt verlegen oder sie unterirdisch fahren lassen.

Man entschied sich für die zweite Lösung und ließ an Stelle des Depots die Grand Central Station bauen. Um die Instandhaltung des Terminals zu gewähren, beschlossen die Vanderbilts, das neu gewonnene überirdische Land zu verpachten. So entstand Terminal City: eine neue Wohngegend für New Yorks Superreiche. Unternehmen ließen ihre Firmensitze in Nähe des Grand Centrals bauen, um Mitarbeitern den Weg zur Arbeit zu erleichtern. Luxushotels entstanden wie das Waldorf Astoria, das einen eigenen unterirdischen Gang direkt zum Bahnhof erhielt.

Grand Central Station wurde zu einem Markenzeichen der Stadt – auch für Regisseure. Alfred Hitchcock drehte hier seinen Thriller „Der unsichtbare Dritte“. Am berühmtesten ist jedoch die Tanzszene aus dem Film „König der Fischer“. Robin Williams spielt darin einen geistig verwirrten Obdachlosen, der sich in sein Fantasie-New-York träumt. Als er einer jungen Frau in den Bahnhof folgt, auf die er ein Auge geworfen hat, fangen plötzlich alle Reisenden an, Walzer zu tanzen.

Grand Central war übrigens viele Jahre lang ein gern genutzter Übernachtungsort für New Yorks Obdachlose. Als der Bahnhof in den 1990er Jahren saniert wurde, ließ man alle Bänke in den unteren Teil verlegen – um die Menschen daran zu hindern, auf den bequemen Holzliegen zu schlafen.

Dass das Gebäude so lange bestehen würde, ist unter anderem Jackie Kennedy Onnassis zu verdanken. In den 1960er Jahren sollte der Bahnhof abgerissen werden und einer Bowlingbahn weichen. Doch viele Anwohner und berühmte Paten kämpften für den Erhalt des ikonischen Bauwerks. Ihre Klage kam schließlich bis vor den Supreme Court. Mit Erfolg: Vor einem Jahr feierte das Gebäude sein 100. Jubiläum.

 

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