Die Reise-Oma

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Meine gestrige Anfahrt nach New Orleans verlief ausnahmsweise mal ohne böse Überraschungen. Zwar musste ich meinen Handkoffer wieder einmal einchecken, weil an Bord der Maschine kein Platz mehr war. Doch das Gepäck kam trotz Zwischenstopps in Atlanta wohlbehalten in NOLA an. Weitaus bemerkenswerter: Ein TSA-Zettel war diesmal nicht zu finden. Das lag wohl auch daran, dass mein Übergangs-Laptop, den ich für die restliche Zeit in den USA ausgeliehen hatte, wohlbehalten in meinem Rucksack war.

Der erste Eindruck von New Orleans: Es ist unglaublich schwül. Eigentlich wurde ich ja schon vor den drückend heißen Sommern in DC gewarnt. Hier im Süden kann man die schwüle Luft noch stärker spüren. Umso mehr tat mir die ältere Dame leid, die mit großem Wanderkoffer neben mir an der Bushaltestelle stand. Doch Sorgen machen musste ich mir um diese Reisende nicht, wie sich schnell herausstellte.

Frau Zofia (ab hier nur noch in schöner polnischer Tradition Pani Zofia genannt) sprach mich nämlich nach kurzer Zeit an, wohin ich reise. Und das machte sie in einem so charmanten Englisch-Polnisch-Kauderwelsch, dass ich nicht anders konnte, als mich mit ihr weiter zu unterhalten. Wie sich herausstellte, wollte sie in die gleiche Jugendherberge wie ich – also fuhren wir gemeinsam ins Zentrum und ich erfuhr mehr über ihr abenteuerliches Rentner-Leben.

Pani Zofia ist nämlich schon länger unterwegs. Seit elf Monaten, um genau zu sein. Ohne wirklich eine andere Sprache als Polnisch zu beherrschen, reist sie um die Welt. „Als ich jünger war, konnte ich nicht einfach einen Pass bekommen und losfahren“, sagte sie mir. Reisen in den Westen war im sozialistischen Polen nicht so ohne weiteres möglich. Also musste sich Pani Zofia ihren Traum für später aufheben.

40 Jahre lang arbeitete sie als Försterin, zog ihre Kinder groß, versorgte die Familie. Aufgrund ihres Berufs war sie immer wieder in anderen Teilen Polens im Einsatz, lebte mal in den Masuren, dann im dicht bewaldeten Osten des Landes. Eigentlich stammt sie aus Breslau. Als Sohn und Tochter nach Warschau zogen, kam sie mit. „Ich wollte aber nicht so eine Oma werden, die nur den ganzen Tag in ihrem Zimmer sitzt und aus dem Fenster schaut“, erzählte mir die 67-Jährige. Stattdessen wurde sie eine Reise-Oma. Sie besorgte sich die nötigen Visen und verließ Polen. Vor drei Jahren machte sie ihre erste große Tour, damals durch Asien, und war für sieben Monate unterwegs. Die Fahrtkosten beglich sie durch ihre Rente.

Diesmal ist sie in den beiden Amerikas unterwegs. Ende September 2013 brach sie auf. Pani Zofia war in Costa Rica, in Mexiko, Panama. Eigentlich wollte sie auch nach Kolumbien, doch dort darf man nur einreisen, wenn man auch angibt, wann man das Land verlassen möchte. Und Pani Zofia will sich nicht festlegen. Nun also New Orleans. Wie lange sie bleiben wird, weiß sie noch nicht. „Wenn es mir gefällt und ich ein günstiges Hotel finde, dann kann es auch mal ein Monat werden“, sagte sie mir. Schließlich sei die Jazz-Stadt schon seit ihrer Kindheit ein Reiseziel gewesen.

Und natürlich schreibt sie über ihre Erlebnisse in einem Blog – wie es sich für eine moderne Reise-Oma gehört.

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