Die zwei Seiten Baltimores

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Im näheren Umkreis von DC gibt es wohl keine andere Stadt, die einen so schlechten Ruf hat wie Baltimore. Heruntergekommen, gefährlich, hässlich, verwahrlost. Mit diesen Adjektiven umschreiben meine Mitbewohner regelmäßig den Ort. „Es gibt dort einfach nichts zu sehen“, lautet ihr einstimmiges Urteil.

Als Mark nach meinem Blog-Eintrag über das Star-Spangled Banner vorschlug, nach Fort McHenry zu reisen und sich dabei auch die Innenstadt von Baltimore anzuschauen, fand sich denn auch kein weiterer Mitfahrer. So brachen wir am Samstag zu zweit in die größte Stadt von Maryland auf, nur eine Autostunde nördlich von DC entfernt.

Zuerst einmal zu den negativen Aspekten: Baltimore gilt tatsächlich als verbrechensreiche Metropole. Sowohl das „Forbes Magazine“ als auch die „Huffington Post“ haben die Stadt vor kurzem erneut in ihre Liste der zehn gefährlichsten US-Städte aufgenommen – basierend auf den jüngsten Zahlen von Gewaltverbrechen, Drogendelikten, Polizeieinsätzen.

Dabei war Baltimore einst eine stolze Gemeinde, die zweitgrößte der USA direkt nach New York zu Zeiten des Unabhängigkeitskrieges. An der Chesapeake Bay gelegen, besaß sie einen der wichtigsten Häfen des Landes. Die Baltimore & Ohio Eisenbahngesellschaft begann hier den Bau der ersten Bahnstrecke der Vereinigten Staaten. Durch die gute Infrastruktur siedelten sich viele Firmen an, Baltimore wurde zu einer Industriestadt mit Stahlwerken und Erdölraffinerien.

Dann kam der wirtschaftliche Absturz. Wenn man heute durch die Straßen fährt, sieht man viele leerstehende Fabrikhäuser und schäbige Wohngegenden. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Haus, in dem Edgar Allan Poe seine letzten Lebensjahre verbrachte. Wer das Eckhaus des großen Autors besuchen möchte, der wird auf der Website des Museums darauf hingewiesen, dass er eine „challenged community“ betritt. Man solle keine Wertgegenstände im Auto lassen und auf verdächtige Personen achten. Aber keine Sorge: Zu den Öffnungszeiten sei „adequate security“ vor Ort. Wenn das mal nicht beruhigend ist.

Es gibt aber auch positive Entwicklungen. Der Innenhafen wurde umgestaltet zu einer Touristenattraktion mit einer schönen Promenade und Restaurants, die Krebs anbieten – eine Spezialität in Maryland. Die Johns Hopkins Universität im Zentrum gilt immer noch als eine der renommiertesten Lehreinrichtungen des Landes. Vor allem beim Medizinstudium führt sie die Hochschul-Listen voran. Und die Straße zum Fort McHenry zieren instandgesetzte Häuser. Im September begeht man ja hier das 200. Jubiläum der Schlacht, die in der US-Nationalhymne besungen wird. Die Stadt putzt sich jetzt schon heraus: Im Fort etwa laufen als Soldaten und Waschfrauen verkleidete junge Menschen herum und versuchen, die damalige Zeit wieder auferstehen zu lassen. Es ist der Wunsch, wieder zu den Großen zu gehören, zu den Erfolgreichen. Damit keiner mehr behauptet, dass es hier nichts zu erleben gäbe. Man kann es Baltimore nur wünschen…

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Ein Gedanke zu “Die zwei Seiten Baltimores

  1. Pingback: Time to say goodbye | US-Logbuch

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