Und eine Buddel voll Grog

DSC_1053pm

Wie ihr vielleicht noch wisst, besitzt mein Vermieter Chris sechs Häuser. Sein Ziel ist es, besonders interessante Bewohner zu finden. Deshalb leben hier so viele Peace-Corps-Mitarbeiter oder Praktikanten aus Übersee. Und dann gibt es noch Jeff. Er wohnt im grünen Haus direkt neben meinem Volo-Kollegen Jan. Seine Freizeit verbringt Jeff als Pirat: er trägt Piratenkleidung, singt Piratenlieder, trinkt Piratenbier. Am liebsten in einer Piratenbar.

Die Piratz Tavern ist die wohl berühmteste Kneipe dieser Art im Washingtoner Raum. Sie liegt in dem Vorort Silver Spring, eine Metrostation von meinem Haus entfernt. Natürlich wollten auch meine Mitbewohner und ich dort einen Abend verbringen. An der Tür wurden wir von Männern mit Augenklappe und Frauen in Korsettkleidung begrüßt. Der Innenraum erinnert an eine Kajütte dank seiner Bullaugen und der runden Holztischchen. Im hinteren Teil des Ladens gibt es eine Strandbar inklusive Mast, auf dem ein Skelett angebunden ist. Als wir dort ankamen, spielte ein Live-Band karibische Lieder.

Berühmtheit erlangte Piratz vor fast zwei Jahren durch die TV-Show „Bar Rescue“. Das ist die amerikanische Version der RTL- und Vox-Magazine, in denen Restaurants einen neuen Look erhalten, um mehr Besucher anzulocken. Showleiter Jon Taffer reist durchs Land und übernimmt für fünf Tage die Kontrolle über den Laden. Im Anschluss soll die Kneipe schwarze Zahlen schreiben.

Taffer verwandelte Piratz in eine Szenebar. Die Bänke wurden durch stylische Metallstühle ersetzt, die Laternen mussten Neonleuchten weichen. Sogar ein neuer Name wurde ausgehängt: „Corporate Bar & Grill“. Die wichtigste Änderung war aber, dass keiner – wirklich keiner – der Angestellten mehr Piratenkleidung tragen durfte. Zufrieden reiste Taffer ab. Wenige Wochen später sah die Bar wieder aus wie vorher. Die Inhaber nannten ihren Laden erneut in Piratz um, brachten die alte Deko an und verbrannten das neue Schild. Sie schrieben ein Piratenlied über die Rückeroberung der Bar und stellten es auf ihre Homepage. Zusammen mit einer Erklärung darüber, wie sehr sie sich von „Bar Rescue“ betrogen fühlten.

Heute möchte keiner mehr auf dieses Thema angesprochen werden. Als wir uns kurz im Inneren über die Show unterhielten, kam eine der Bedienungen und meinte nur, dass „alles im Fernsehen erstunken und erlogen war. Wir wurden gezwungen, uns so kindisch vor der Kamera zu verhalten. Mehr werde ich dazu nicht sagen.“ Dann nahm sie unsere Kreditkarten und steckte sie in ihren korsettgeschnürten Ausschnitt. Als sie wieder kam, hatte sie für jeden von uns ein Glas Grog dabei.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Und eine Buddel voll Grog

  1. Pingback: Time to say goodbye | US-Logbuch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s