Fußball unter Farmern

DSC_1120pm

Die meisten von euch haben wohl das WM-Finale auf einer der vielen Public-Viewing-Meilen verfolgt. Oder ihr seid wie die fußballinteressierten US-Amerikaner in eine Bar gegangen. Wenn man mich in Zukunft fragen wird, wo ich war, als Deutschland zum vierten Mal Weltmeister wurde, dann kann ich antworten: auf einer Farm.

Und das kam so: Das TV-Magazin „Kick off!“ der Deutschen Welle wollte zum Abschluss der WM einen halbstündigen Dokumentarfilm produzieren. Die Idee war, zu schauen, wie Menschen auf der ganzen Welt das Finale verfolgen. Jedes Land sollte von einer bestimmten Berufs- oder Hobbygruppe vertreten werden. In Neuseeland wurden Surfer begleitet, in China Köche, in Deutschland ein Kiosk-Betreiber. Für die Vereinigten Staaten wurde der Klassiker unter den US-amerikanischen Berufen gewählt: der Farmer.

Als ich meinen Freunden hier in Washington von dem Plan erzählte, war der Spott groß. „Du wirst keinen Farmer finden, der sich für Fußball interessiert“, sagten sie. Doch sie kannten meinen Kollegen Stefan nicht. Der hat in fleißiger Telefonrecherche einen der wenigen Bauernhöfe ausfindig gemacht, in dem die Betreiber Fußball spielen. Klar wollten sie auch die WM-Partie Deutschland – Argentinien sehen.

Am Sonntagvormittag brachen wir also auf in den Bundesstaat Maryland nach (das ist kein Witz) Germantown. Hier hat der Familienbetrieb „Butler’s Orchard“ seinen Sitz. Eine Gemüse- und Obstplantage, auf der die Besucher selbst Früchte ernten können. Tyler Butler ist hier Farmer in vierter Generation – und gleichzeitig begeisterter Fußballspieler. Jeden Donnerstagabend trifft er sich mit den Arbeitern seiner Felder (viele von ihnen Mexikanern) auf dem Bolzplatz zum Kicken. Fußball, so erklärte er uns, stelle für ihn einen sehr raffinierten Sport dar, bei dem die Spieler Kraft und Technik einsetzen müssten. Nicht so wie etwa beim American Football.

Gemeinsam mit seinem Bruder John lud er Freunde und Familienmitglieder zum WM-Schauen auf der Farm ein. Sie stellten einen Plasmabildschirm vor das Haus und holten den Grill raus für ein großes Barbeque. Zum Essen gab es viele selbstangebaute Produkte, etwa frisch gepflückte Tomaten, Zucchini oder Zwiebeln. Dazu servierten sie Wassermelonen direkt vom Feld. Und jede Menge Fleisch: Burger, Bratwürste, you name it. Natürlich fehlte es auch nicht an Bier und härteren alkoholischen Getränken. Da wurde schon einmal die Absolut-Wodka-Flasche herausgeholt und auf die Shotgläser die Buchstaben G-E-R-M-A-N-Y geschrieben. Das alles natürlich nur, um Tyler zu ärgern. Der war nämlich einer der wenigen, die an diesem Tag für Argentinien die Daumen drückten. Seine Hoffnung war, einige Traumtore von Messi zu sehen. Wie wir alle wissen, kam es zum Schluss anders.

Den TV-Beitrag stelle ich auf diese Seite, sobald er online zur Verfügung steht. Es war auf jeden Fall ein Tag, den ich nicht so schnell vergessen werde. Denn wer sonst kann behaupten, das WM-Finale mitten unter Farmern erlebt zu haben? In einer US-Stadt, die Germantown heißt…

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Fußball unter Farmern

  1. Pingback: Time to say goodbye | US-Logbuch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s