Der Tempel der Unabhängigkeit

Bild

Die USA bezeichnen sich gerne als „die älteste Demokratie der Welt“. Vor allem Politiker greifen auf diese Formulierung zurück. Ex-Präsident George W. Bush hat sie verwendet, Präsident Obama ebenfalls und auch Hillary Clinton. So fehlerhaft die Redewendung ist, so sehr verdeutlicht sie doch das Selbstbildnis der Vereinigten Staaten: als Nation mit Idealen, in der alle Menschen gleich sind – wie es bereits in der Unabhängigkeitserklärung stand (wobei die Gründerväter dabei nicht an Frauen, Afroamerikaner oder die Ureinwohner dachten).

Die „Declaration of Independence“ gilt als eines der wichtigsten Dokumente des Landes – und jeder Amerikaner musste zumindest Teile davon zu Schulzeiten auswendig lernen. Wenn man in Washington ist, hat man die Möglichkeit, die Original-Urkunde zu sehen: im National Archives Museum. Das Gebäude ist wie so viele Bauten in DC dem römisch-antiken Stil nachempfunden und soll darüber hinwegtäuschen, dass die USA keine wirklich alte Geschichte besitzen. An einem Wochenendtag muss man etwa eine halbe Stunde anstehen, um in das Innere zu gelangen. Es gibt Rucksack-Kontrollen und eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen.

Wer es durch den Check geschafft hat, wird mit sehenswerten Artefakten belohnt. Neben der Declaration, die in einem eigens dafür errichteten, halbkreisförmigen Saal ausgestellt ist, kann man einen Blick auf die Bill of Rights oder die Verfassung der USA werfen. In einem anderen Teil des Museums ist die Magna Charta ausgestellt. Die Dokumente werden in speziellen Glaskästen gehalten, die sie gegen Lichteinstrahlungen, Staub und Feuchtigkeit schützen sollen. Dennoch sind sie teilweise stark vergilbt: die Declaration könnte man ohne erklärende Tafel gar nicht entziffern.

Und auch wenn man sich teilweise wie im Disney-Land fühlt mit all den schlangestehenden Personen, die einen drängen, weiter zu gehen, und auch wenn man im gift shop Dokument-Kopien zu überteuerten Preisen kaufen kann: hier in den Archives spürt man doch den Hauch gelebter Geschichte. Die Schriften zeugen von einer Zeit, in der die Menschen hofften, eine gerechtere Gesellschaft zu formen. Ob dieser Wunsch erfüllt wurde? Unweit des Ausgangs steht eine Tafel mit einem Spruch von Martin Luther King, Jr: die Declaration sei „a promissory note to which every American was to fall heir.“ Ein Versprechen, dessen sich jede Generation neu versichern muss…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s