Willkommen im Kohleland

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Ein Meer aus Bäumen. Links und rechts der Autobahn nichts als grüne Hügel, und das kilometerweit. Dieses Bild von West Virginia hat sich bei mir nach meinem zweitägigen Kurztrip eingeprägt. Man fährt stundenlang Berge hoch und runter und sieht immer wieder neue Erhebungen. Ein Sprichwort der dortigen Bevölkerung besagt, dass West Virginia so groß wie Texas wäre, wenn man es mit einem Bügeleisen plattbügeln könnte.

Und während Politiker gerade dabei sind, den „Mountain State“ als Touristenattraktion zu etablieren, liegt für viele Einheimische der eigentliche Reichtum des Staates unter der Erde: Kohle. So viel, dass West Virginia laut Lobby-Vertretern 400 Jahre lang mit Strom versorgt wäre – wenn man solchen Äußerungen Glauben schenken möchte.

Umso größer ist die Empörung über die neuen CO2-Richtlinien aus DC. 30 Prozent weniger Emissionen als 2005, das bringe viele der Kohlekraftwerke in Bedrängnis. Und deshalb war ich hier, um zu schauen, wie die Menschen auf die Pläne reagieren.

Bevor meine Reise begann, hatte ich ein Gespräch mit meinem Mitbewohner Mark über das allgemeine Bild der Menschen aus West Virginia. Er erklärte mir, sie gelten im Rest des Landes als Hinterwäldler, als hillbillies, die in den Minen arbeiten und nur wenig gebildet seien. Außerdem hätten viele US-Amerikaner Probleme, den Dialekt zu verstehen.

Was mir auf jeden Fall aufgefallen ist: Die Menschen hier sind unglaublich freundlich. Egal ob Kohlefreunde oder –gegner, sie alle empfingen mich sehr herzlich und waren für ungewöhnliche Aktionen zu haben. So bin ich in der Hauptstadt Charleston mit der Presbyterianer-Pfarrerin Robin unter eine Autobahnbrücke gestiegen, um besser an einen umweltverseuchten Fluss zu gelangen. In Poca klopfte ich ohne Vorankündigung an Türen von Einwohnern, die ihre Häuser direkt gegenüber eines Kohlekraftwerkes stehen hatten. Viele gaben Antwort, Truckerfahrerin Pam lud mich gar nach drinnen ein und servierte Iced Tea mit Geschichten von ihren Fahrten.

Das interessanteste war jedoch der Besuch des Coalstock-Konzertes in Danville. Ein kleiner Ort in einem Tal gelegen, in dem die meisten der Menschen vom Bergbau leben. Und die deshalb gegen die Regulierungen der Umweltbehörde protestieren wollten. Zwar waren viel weniger Besucher da, als geplant, dennoch konnte man ein völlig anderes Lebensgefühl erleben. Wo sonst trifft man auf eine Kohle-Königin, die T-Shirts mit der Aufschrift „Jesus liebt Kohleminenarbeiter“ verkauft? Wo sonst spricht man mit Bergbauern in Ruhestand, die Kohle als Garant für innere Sicherheit bezeichnen – und die Klimaerwärmung als unseriöse Behauptungen diffamieren. Der Grundtenor hier war: so lange China, Brasilien und Indien neue Kohlekraftwerke bauen, müssen wir mitziehen. Kein Gedanke also an eine Vorreiter-Stellung der USA.

Am schönsten hat Robin dieses komische Verhältnis der West Virginier zusammengefasst: „Kohle ist hier ein Götze.“ Wenn man Kohle kritisiert, ist es fast so schlimm, als würde man die Religion der Leute beleidigen. Und das sollte man in den USA bekanntermaßen vermeiden.

Meine Reportage für die DW findet ihr hier.

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