Prachtmeile und Veteranen-Kult

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Bei meinem letzten Washington-Aufenthalt herrschte Hochsommer – und die National Mall, die Prachtpromenade der US-Hauptstadt, war fast zu einer Steppe verdorrt. Umso schöner wirkte der diesmalige Besuch. Im Mai ist die fast fünf Kilometer lange Verbindungsstraße zwischen Capitol Hill und Lincoln Memorial von saftig grünen Parkanlagen gesäumt. Im Reflecting Pool ist tatsächlich Wasser und auch die Springbrunnen an den Denkmälern funktionieren.

Da die Mall als Nationalpark gilt, trifft man bis in die frühen Abendstunden hinein auf Ranger mit ihren grauen Hemden und Sonnenhüten. Die Männer und Frauen bewachen die Memorials, die entlang der Mall errichtet worden sind. Neben dem Lincoln und dem Jefferson Memorial gelten vor allem die Denkmäler der großen Kriege als Touristenmagneten, vom WWII-Memorial bis hin zum Vietnam oder Korea War Memorial.

Auffällig ist dabei auch die Veteranen-Verehrung in der Stadt. Emeritierte Soldaten, die in den großen Kriegen gekämpft hatten, werden in Amerika gefeiert. Als Vaterlands-Beschützer genießen sie Sonderrechte, haben sogar einen eigenen Feiertag (Veterans Day am 11. November). In Washington wurde mir dieser Veteranen-Kult gestern besonders deutlich. Am WWII-Memorial waren neue Blumen zu Gedenken an die Gefallenen aufgestellt worden. Am Vietnam War Memorial ließ sich ein Kriegsveteran in seinem Rollstuhl von Touristen fotografieren: vor allem viele Jugendliche kamen zu ihm, umarmten ihn oder ließen sich mit ihm ablichten.

Damit wird auch die aktuelle Veteranen-Affäre etwas mehr verständlich. Erst am gestrigen Freitag, 30. Mai, hat Obama den Leiter des Department of Veterans Affairs, Eric Shinseki, gefeuert. Dieser sei verantwortlich gewesen für eine ganze Reihe an Negativ-Schlagzeilen in Bezug auf die Behandlung von US-Veteranen. Normalerweise werden die Ex-Soldaten in speziellen Krankenhäusern versorgt, doch in den letzten Monaten wurden viele von ihnen falsch therapiert oder zu spät aufgenommen. Die „NY Times“ stellt die Affäre auf eine Stufe mit Hurricane Katrina: damals hatte George W. Bush zu lange gebraucht, um den Opfern in New Orleans zu helfen – was ihn Sympathien kostete und an seiner Kompetenz zweifeln ließ. Um nicht in die gleiche Falle zu geraten, musste Obama also schnell handeln und Stärke zeigen, deswegen die frühzeitige Entlassung von Shinseki. Die Botschaft, die er damit ausstrahlte, war eindeutig: Don’t mess with our veterans.

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